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Morgen ist Konzert!

Die Generalprobe steht kurz bevor, die Spannung steigt. Gleichzeitig geht eine sehr intensive und besondere Probenphase zu Ende. Es war ein großes Vergnügen, unter der gemeinsamen Leitung von Gregor Simon (der zunächst für unseren erkrankten künstlerischen Leiter eingesprungen war) und Thomas Kammel an Werken zum Thema Frieden zu arbeiten und zu erleben, wie das Konzertprogramm unter dem Einfluss zweier sich hervorragend ergänzenden Handschriften Gestalt annahm.

Gregor Simon hat mit uns eigene Werke einstudiert, auch ganz aktuelle, die unter dem Eindruck des Krieges in der Ukraine entstanden sind. Diese Werke spielen im Konzertprogramm eine wesentliche Rolle. Der Komponist hat sie für uns eingeordnet:


"Das Kyrie in c entstand aus der Suche nach einem passenden Stück für den Beginn des Konzertes Da pacem Domine (nach Bruckners Locus iste) und aus der Situation des unmittelbar bevorstehenden und ausbrechenden Krieges in der Ukraine. Der uralte Gebetsruf 'Kyrie eleison - Christe eleison - Kyrie eleison' erhebt sich aus der Not immer drängender bis zum fortissimo gesungenen 'e - le - i - son' in Fes-Dur mit dem Höchstton as'' im Sopran. Der Betende beruhigt sich langsam, bis er am Ende die Zusage der Erhörung wahrnimmt. Konstant vom ersten bis zum letzten Takt bleiben: Betroffenheit und Gottvertrauen.


Auch das Verleih uns Frieden beruht auf diesen beiden Konstanten, während es sich ebenfalls 'aus der Tiefe' immer flehender aufrichtet bis hin zu dem Bekenntnis 'es ist doch ja kein andrer nicht, der für uns könnte streiten', worauf nach einem kurzen Innehalten sich eine erneuerte Zuversicht und Geborgenheit einstellen. 'Verleih uns Frieden', dieses Werk wurde beim Kompositionswettbewerb des Deutschen Chorverbandes 2017 mit dem 2. Preis ausgezeichnet.


Nach dieser eindringlichen Friedensbitte schwingt sich die Heilsbotschaft des Magnificat, von Wonne und Jubel erfüllt, durch den Raum. Die Antwort Mariens auf den Willkommensgruß Elisabeths wenige Tage nach der Verkündigung des Erzengels Gabriel, dass sie den Heiland der Welt gebären soll, ist mehr als die Feststellung eines unglaublichen Faktums in der Gegenwart. Es fasst die Geschichte und das gesamte Menschsein zusammen. Im Mittelteil des Chorstückes geht es um die 'action' im Magnificat: 'Fecit potentiam in brachio suo, dispersit superbos mente cordis sui. Deposuit potentes de sede et exaltavit humiles.' - 'Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten und zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind. Die Mächtigen stürzt er vom Thron und erhöht die Niedrigen.' In straffer Rhythmik den immer selben Ton repetierend tritt der Chor hier geradezu ungestüm auf. Davor und danach steht die Komposition im Zeichen von Ergriffenheit, Glück und der gläubigen Annahme des höchsten Geschenkes: Bei Gott zu sein und ihn in sich zu tragen. Das Stück endet mit einem Jubel, der bei aller Überschwänglichkeit zart und gelöst bleibt.


Wieder erdverbundener ist das I praised the earth. Das wie das Magnificat recht anspruchsvolle Chorstück folgt einem vor 200 Jahren entstandenen Gedicht, welches verblüffend aktuell erscheint. Der dreistimmige Frauenchor besingt zunächst die Bilder und Stimmungen der Naturerscheinungen. Auf das knallharte 'von zerstörter Erde und sündigen Menschen' folgt das 'wie herrlich muss erst die Wohnstatt sein' in wonnig pulsierendem Piano.


Für die Internationale Kirchenmusikwoche St. Pölten im Februar 2020 fragte mich Markus Utz, Professor für Chorleitung an der Zürcher Hochschule der Künste, ob ich dafür ein Chorstück schreiben könnte, vielleicht ein Nunc dimittis, also den 'Lobgesang des Simeon', passend zur Jahreszeit. Der Greis Simeon wird hier zum Sinnbild für die Sehnsucht und Erfüllung des Menschen ebenso wie der gesamten Geschichte ('das Heil, das du vor allen Völkern bereitet hast'). Seine Ergriffenheit bestimmt das Stück. Sie ist in den ersten vier Takten bereits fertig da, alles Weitere ergibt sich daraus von alleine."



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